Archive für 31.1.2010

Die Geschichte von der traurigen Traurigkeit….

Das Märchen von der traurigen Traurigkeit:

Es war eine kleine Frau, die den staubigen Feldweg

entlangkam. Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war

leicht, und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines

unbekümmerten Mädchens. Bei der zusammengekauerten Gestalt

blieb sie stehen und sah hinunter. Sie konnte nicht viel

erkennen.

Das Wesen, das da im Staub des Weges saß, schien fast

körperlos. Es erinnerte an eine graue Flanelldecke mit

menschlichen Konturen. Die kleine Frau bückte sich ein wenig

und fragte:

“Wer bist du?”

Zwei fast leblose Augen blickten müde auf.

“Ich? Ich bin die Traurigkeit”,

flüsterte die Stimme stockend und so leise, daß sie kaum zu

hören war.

“Ach die Traurigkeit!”

rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte

Bekannte begrüßen.

“Du kennst mich?”

fragte die Traurigkeit mißtrauisch.

“Natürlich kenne ich dich! Immer wieder einmal hast du mich

ein Stück des Weges begleitet.”

“Ja aber…”, argwöhnte die Traurigkeit, “warum flüchtest du

dann nicht vor mir? Hast du denn keine Angst?”

“Warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt

doch selbst nur zu gut, daß du jeden Flüchtigen einholst.

Aber, was ich dich fragen will: Warum siehst du so mutlos

aus?”

“Ich…..ich bin traurig”,

antwortete die graue Gestalt mit brüchiger Stimme.

Die kleine, alte Frau setzte sich zu ihr.

“Traurig bist du also”,

sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf.

“Erzähl mir doch, was dich so bedrückt.”

Die Traurigkeit seufzte tief. Sollte ihr diesmal wirklich

jemand zuhören wollen? Wie oft hatte sie sich das schon

gewünscht.

“Ach, weißt du”, begann sie zögernd und äußerst verwundert,

“es ist so, daß mich einfach niemand mag. Es ist nun mal

meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und für eine

gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen

komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und

meiden mich wie die Pest.”

Die Traurigkeit schluckte schwer.

“Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen.

Sie sagen: Papperlapapp, das Leben ist heiter. Und ihr

falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie

sagen: “Gelobt sei, was hart macht. Und dann bekommen sie

Herzschmerzen. Sie sagen: Man muß sich nur zusammenreißen.

Und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken.

Sie sagen: Nur Schwächlinge weinen. Und die aufgestauten

Tränen sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber sie betäuben sich

mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen.”

“Oh ja”, bestätigte die alte Frau, “solche Menschen sind mir

schon oft begegnet.”

Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen.

“Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich

ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich

helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen.

Wer traurig ist hat eine besonders dünne Haut. Manches Leid

bricht wieder auf wie eine schlecht verheilte Wunde, und das

tut sehr weh. Aber nur, wer die Trauer zuläßt und all die

ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen.

Doch die Menschen wollen gar nicht, daß ich ihnen dabei

helfe. Statt dessen schminken sie sich ein grelles Lachen

über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer

aus Bitterkeit zu.”

Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann

stärker und schließlich ganz verzweifelt Die kleine, alte

Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre

Arme. Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und

streichelte zärtlich das zitternde Bündel.

“Weine nur, Traurigkeit”, flüsterte sie liebevoll, “ruh dich

aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun

an nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten,

damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr an Macht gewinnt.”

Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf

und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin:

“Aber…aber - wer bist eigentlich du?” “Ich?”

sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd, und dann lächelte

sie wieder so unbekümmert wie ein kleines Mädchen.

“Ich bin die Hoffnung.”!


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